Nr. 96-1


Dendrochronologie - ein Fenster in die Vergangenheit

Teil II: Die Bauholzversorgung in Lübeck vom 12. bis 17. Jahrhundert

Sigrid Wrobel, Peter Klein und Dieter Eckstein (Hamburg)


Im ersten Teil des Beitrages (Forschungsreport 12/1995) wurden das Prinzip und die Möglichkeiten dieses interessanten Zweiges der Holzwissenschaft erläutert. Die Dendrochronologie ermöglicht  die Altersbestimmung von Gegenständen oder Bauwerken anhand der Jahresringstruktur des verwendeten Holzes. Grundlage ist die  Beobachtung, daß die jährliche Zunahme des Dickenwachstums der Bäume  (Jahresringe) in erster Linie von den klimatischen Verhältnissen abhängt und  damit innerhalb der einzelnen Baumarten eines Gebietes ähnlich erfolgt.  Für einige Arten, zum Beispiel Buche, Tanne und Kiefer, konnten die Jahresringstrukturen fortlaufend von der Jetztzeit mehrere hundert  Jahre zurück verfolgt werden, für die Eiche liegt ein solcher  „unendlicher Baum" sogar für die letzten 10.000 Jahre vor. Damit liefert die Dendrochronologie ein wichtiges bau- und kunsthistorisches  Instrumentarium. Im folgenden wird versucht, die Versorgung der Stadt Lübeck mit  Bauholz über fünf Jahrhunderte hinweg dendrochronologisch zu  rekonstruieren.


Abb. 1: Lübecker Bürgerhaus mit Treppengiebel in der Kleinen Burgstr. 16 (dendrochronologisch datiert: um 1593, Inschrift: 1594)

In Lübeck wurden in den vergangenen 15 Jahren mehr als 150 Häuser (Abb. 1) oder Hausteile dendrochronologisch jahrgenau datiert. Dieser umfangreiche Daten'pool' war Anlaß, außer nach Fäll- und Bauzeiten auch einmal nach zeitlichen Veränderungen der Bautätigkeit und der Holzqualität und -quantität, kurz nach der Bauholzversorgung und Waldnutzung zu fragen.

Abb. 2: Der Wald im Dienst der Landwirtschaft (Foto: H. Brandl, Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt, Freiburg)

Im späten Mittelalter war um Lübeck durch die Eingriffe des Menschen eine Kulturlandschaft entstanden, und der Wald diente zugleich der Weide- und Holznutzung (Abb. 2). Aus der Vielzahl von Waldordnungen und Ausfuhrverboten - die Gesetzesbücher „Jütisches Low" von 1241 und „Sachsenspiegel" von etwa 1220 gehören wohl zu den ältesten ihrer Art - könnte das Bild einer andauernden Holznot entstehen. Andererseits wird noch um 1600 von einer so dichten Bewaldung berichtet, daß ein Eichhörnchen vom Westen bis zum Osten Schleswig-Holsteins springen konnte, ohne den Boden zu berühren.

Die nachfolgenden Betrachtungen unterziehen diese beiden Extrempositionen einer Überprüfung anhand von dendrochronologisch ermittelten Baukonjunkturen sowie von Beobachtungen über Qualitätsmerkmale des historischen Holzes.
 

Abb. 3: Zeitliche Verteilung der dendrochronologisch datierten Häuser in Lübeck

Die dendrochronologischen und historischen Erkenntnisse ergeben eine wellenförmige Bauentwicklung der Stadt Lübeck mit einer regelrechten Baustillstands-Zeit in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts (Abb. 3). Die Holzeigenschaften, zusammengefaßt aus Alter des Bauholzes, Alterstrend des Zuwachses und Wuchsform der Stämme, lassen drei zeitlich getrennte „Kollektive" erkennen: 1143-1300, 1300-1500, nach 1500.

Ungeregelte Plenterwirtschaft

In der 150jährigen Aufbauphase von Lübeck von 1143-1300 wurde der Wald wahrscheinlich nicht planmäßig genutzt. Er enthielt Bäume aller Altersklassen, von denen der Mensch die stärksten erntete. Die Naturverjüngung fand in den Fällungslücken statt. Diese Wirtschaftsform wird ungeregelte Plenterung genannt. Die genutzten Eichen sind in dieser Zeit etwa 130 Jahre alt. Ihre Jahrringfolgen zeigen Jugend schnellwüchsiger sind als in ihrer späteren Lebensphase; vielmehr ist das Jugendholz engringig und das Altersholz weitringig. Offensichtlich ist die lichtbedürftige Eiche zunächst im Bestandesschatten herangewachsen. Da sie das Licht im Kronenraum erreichen wollte, hat sie geradschäftige, astarme, circa 10 m lange Stämme mit verhältnismäßig kleiner Krone gebildet. Die Balken in den archäologischen Ausgrabungen in Lübeck (12./13. Jh.) haben überwiegend diese Qualität.

Von 1300 bis 1500 werden für den bürgerlichen Hausbau nur circa 60jährige Eichen mit einer engen Altersstreuung von +40/-20 Jahren geschlagen. Die Dimensionen der Balken sind nur geringfügig kleiner als zuvor, aber das Holz ist erheblich weitringiger. Somit stammen diese Hölzer entweder von einem besseren Standort als in der vorausgegangenen Periode, oder das Wachstum der Eichen wurde durch eine veränderte Waldwirtschaft gefördert.

Geregelte Plenterwirtschaft

Die erste Annahme ist aus wirtschaftlichen Erwägungen zu bezweifeln, denn warum sollten - wenn vorhanden - wüchsige Bestände nicht schon früher genutzt worden sein. Somit muß die zweite Annahme geprüft werden. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts wurden laut Ordnung von Markgenossenschaften in Norddeutschland sogenannte Eichenkämpe - eine Art Baumschule - angelegt, um den Bedarf an Eichenholz zu decken. Spätestens seit dieser Zeit muß also mit bewußten waldbaulichen Maßnahmen gerechnet werden, die man als geregelte Plenterwirtschaft ansehen könnte. Möglicherweise wurden Bestandeslücken mit Jungbäumen bepflanzt, die zuvor in Eichenkämpen über ihre kritischen ersten Jahre herangezogen worden sind. In dieser Zeit bildeten sie gute Zuwächse und waren bei ihrer Verpflanzung vermutlich über die Unterholzhöhe hinausgewachsen. Ihren Zieldurchmesser erreichten sie - nach dieser Annahme - nach circa 60 Jahren. Dieses Bauholz ist nicht so geradschäftig wie in der vorhergehenden Periode, auch das ein Hinweis auf ein Wachstum ohne engstehende Nachbarn, die sonst die natürliche Astreinigung und einen geraden Wuchs fördern. Auch erforderte die gleichzeitige Weidenutzung aufgelockerte Bestände mit ausreichendem Futtervorrat. Die nachgewiesenen Holzqualitäten sprechen für eine derartige Waldform, in der auch die Buche eine Rolle spielte. Sie war der Hauptlieferant von Energie für die Haushalte sowie insbesondere für das Brennen der Backsteine für den Hausbau. Die Buche zeichnet eine besonders gute Ausschlagfähigkeit aus. Als schattenertragende Baumart tritt sie in Konkurrenz zur Lichtbaumart Eiche. Ohne menschliche Eingriffe würde sich ein Eichen/Buchenwald in einen reinen Buchenwald umwandeln. Aber durch die andauernde Entnahme von Buchenbrennholz kann die Eiche die notwendige menschliche Förderung unbeabsichtigt erfahren haben.

Sollte die Annahme wahr sein, daß diese Eichen gepflanzt worden sind, wiese dies auf eine Knappheit an Waldreserven hinweisen, die eine geänderte Waldwirtschaft zur Folge hätte. Diese Maßnahme zur Rohstoffsicherung geschah dann offenbar rechtzeitig genug, da bis 1360, also 110 Jahre lang, regelmäßiges und umfangreiches Bauen stattfand. Zeitgleich setzte sich in Lübeck die Steinbauweise - laut Quellen wegen der Brandgefahr - durch.

Ein Markt für Bauholz ist in Lübeck aus den Quellen zwar erst seit dem 16. Jahrhundert abzuleiten. Dendrochronologische Indizien sprechen aber bereits im 13. Jahrhundert für einen Bauholzmarkt; lediglich eine vermögende Minderheit konnte auf „stehendes Holz" im Wald zurückgreifen. Bei Annahme dieser Gegebenheiten muß es eine Waldbewirtschaftung gegeben haben, die den Markt regelmäßig belieferte. Das dürfte mit einer ungeregelten Plenterung nicht zu leisten gewesen sein. Die ersten Waldordnungen zu Beginn des 13. Jahrhunderts können mit Holzknappheit oder mit machtpolitischer Kontrolle durch die Obrigkeit gedeutet werden, aber auch als frühe Rechtsgrundlage für eine Idee, die später als Nachhaltigkeitsprinzip bekannt wurde.

Mittelwaldbetrieb

Nach 1500 wird das Bauholz wieder vieljähriger und hat ungefähr das gleiche Alter wie im 13. Jahrhundert, nämlich circa 120 Jahre. Diese Bäume keimten zur selben Zeit wie die im 15. Jahrhundert eingeschlagenen circa 60jährigen Eichen, sind jedoch deutlich engringiger und geradschäftiger. Dies deutet auf einen engständigen Bestand hin. Die Bäume zeigen einen normalen Alterstrend, das heißt, sie sind in der Jugend schnellwüchsiger als im Alter. Somit entstammen sie wohl nicht einem Plenterwald, sondern vermutlich einem sogenannten Mittelwald. In dieser Betriebsform wird flächenweise geschlagen und wieder neu gepflanzt. Die hohe Streuung in der Altersklassenverteilung des Bauholzes (50-200 Jahre) scheint den schlagweisen Hieb, der bei Umstellung auf diese Betriebsart zunächst Kahlschlag bedeutet, zu bestätigen.

Von einer allgemeinen Holznot, die bereits um 1500 laut wurde, kann für das Lübecker Umland somit nicht gesprochen werden. Während der starken Baukonjunktur von 1430 bis 1500 waren die erst in der nächsten Periode von 1500-1650 geschlagenen Eichen zum Teil bereits 70jährig und sind demnach geschont worden. Der Vorrat hat für das Baugewerbe offenbar ausgereicht.

Holzimport

Abb. 4: Dendrochronologisch nachgewiesene Holzhandelswege aus dem polnisch-baltischen Raum (Zeichnung: H.Wohltorf)

In einer Hafen- und Handelsstadt wie Lübeck ist stets aber auch die Möglichkeit eines Holzimportes über See in Betracht zu ziehen. Für Bauholz ist dieser Nachweis bisher dendrochronologisch noch nicht gelungen. Allerdings ist Eichenholz für mehrere Lübecker kunsthistorische Großobjekte (z. B. die Lettner im Dom und im Heiligen-Geist-Hospital, die Große Orgel in der St. Jakobi-Kirche) - wie auch überwiegend das Holz für die Gemäldetafeln verschiedener Meister in den Niederlanden - dendrochronologisch nachweisbar aus dem polnisch/baltischen Raum importiert worden (Abb.4). Das Bauholz in Lübeck stammt jedoch nach bisheriger Kenntnis aus heimischen Wäldern.

Schlußbetrachtung

Die aus dem dendrochronologisch datierten Bauholz abgeleiteten Waldnutzungsformen im Lübecker Umland waren von 1143-1300 eine ungeregelte Plenterung, in der das Eichenwachstum, eventuell unbewußt, durch Entnahme von Buchenbrennholz gefördert wurde. Eine geregelte Plenterung fand in der Periode von 1300-1500 statt, vermutlich wurden junge Pflanzen in Bestandeslücken gesetzt. Für die nächsten 150 Jahre nach 1500 ist dann eine flächenweise Nutzung in Form eines Mittelwaldbetriebes anzunehmen.

Die ausgewählten Beispiele sollen als Ausschnitt aus dem weiten Anwendungsspektrum der Dendrochronologie deren Kapazität für die Bau- und Kunstgeschichte sowie auch für die Waldgeschichte darstellen.

Historisches Holz ist als ein Archiv zu verstehen, in dem mannigfache Informationen aufbewahrt werden. Durch die Dendrochronologie ist ein methodisches Instrumentarium vorhanden, das diese Informationen lesbar macht. Dies ist aber immer nur der erste Schritt in einer Gesamtuntersuchung. Es muß ein zweiter folgen, nämlich die Interpretation und die Wertung, was nur interdisziplinär sinnvoll und erfolgreich sein kann.


Autoren:

Dipl.-Holzwirt Sigrid Wrobel
Bundesforschungsanstalt für Forst- und Holzwirtschaft
Institut für Holzbiologie und Holzschutz
Leuschnerstr. 91
21031 Hamburg

Dr. Peter Klein und
Prof. Dr. Dieter Eckstein
Universität Hamburg
Ordinariat für Holzbiologie
Leuschnerstr. 91
21031 Hamburg


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