Arbeitsgebiete - Dendrochronologie
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Der folgende Text ist ein Auszug aus dem Buch

Pingel, V.; Hauptmann, A. (eds.) (2005): Archäometrie - eine Querschnittswissenschaft. Methoden und Anwendungsbeispiele naturwissenschaftlicher Verfahren in der Archäometrie. Stuttgart: Verl. Schweiz.

Der zunächst für Archäologen gedachte Artikel gibt anschaulich Grundlagen, Methode und Anwendungen der Dendrochronologie wieder. Hier wird allerdings auf die Anwendungsbeispiele (die im Originalartikel erscheinen) verzichtet.
[ed(s). = editor(s) = Editor(en), Herausgeber]



Dendrochronologie
(Dieter Eckstein, Sigrid Wrobel)

  1.   Zusammenfassung
  2.   Einleitung und kurze Forschungsgeschichte
  3.   Methodik
  3.1       Biologische Grundlagen und dendrochronologisches Konzept
  3.2       Der Kalender im Holz
  3.3       Durch Replikation zur inneren Sicherheit und richtigen Datierung
  3.4       Wie viele Jahrringe sollen es sein?
  3.5       Jahrgenau, aber nur bei Rinde
  3.6       Ist Fälljahr gleich Baujahr?
  4.   Von der Grabung zur Datierung
  4.1       Praktische Hinweise
  4.2       Schlussbemerkung
  5.   Bibliographie und weiterführende Literatur


1.      Zusammenfassung

Die Dendrochronologie ist im Prinzip eine sehr einfache und leicht verständliche Methode zur jahrgenauen Altersbestimmung von hölzernen archäologischen Funden. Darüber hinaus kann sie auch Angaben zur Holzherkunft und -qualität sowie zur Waldbewirtschaftung in archäologischer Zeit liefern. Sie dient der Archäologie auch indirekt durch den Aufbau von langen Jahrringchronologien, mit deren Hilfe die Radiokarbondatierung geeicht wird. Die prinzipielle Leichtigkeit der Dendrochronologie birgt aber das Risiko ihrer Überschätzung und ihres Missbrauchs durch Laienanwender. Im Rahmen des vorliegenden Beitrags, der sich an Archäologen wendet, werden die biologischen Grundlagen des natürlichen Kalenders im Baum veranschaulicht und der technische Ablauf des Verfahrens skizziert; dabei sollen auch Fußangeln erkennbar werden.

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2.      Einleitung und kurze Forschungsgeschichte

Die Dendrochronologie kann zur jahrgenauen Datierung von archäologischen Hölzern führen und ist somit in der Lage, dunkle Vorgeschichte mit Kalenderjahren zu erhellen. So kann es geschehen, dass für einen Fundplatz mit gut erhaltenen Resten von Holzbauten inmitten einer sonst "holzleeren" Siedlungskammer eine kalenderjahrgenaue Chronologie von quasi historischer Qualität vorliegt, während das Umland weiterhin noch vorgeschichtlich bleibt.

Als Begründer der Dendrochronologie gilt der amerikanische Astronom Andrew E. Douglass (1867-1962), obwohl die Idee dazu über mehrere, heute weniger bekannte Naturbeobachter bis zu Leonardo da Vinci (1452-1519) zurückverfolgbar ist, der eine Verbindung zwischen der Witterung eines Jahres und der Breite des zugehörigen Jahrringes von Bäumen beschrieb. Douglass gab dem Verfahren auch den Namen - ein Kunstwort aus den griechischen Wörtern dendron (Baum), chronos (Zeit) und logos (Lehre). Der Durchbruch geschah, als es ihm um 1929 zum ersten Mal gelang, Konstruktionshölzer von prähistorischen Indianer-Siedlungen in New Mexico/USA dendrochronologisch auf 1285 AD zu datieren (Robinson 1976).

Der Aufschwung der Dendrochronologie zu ihrer heutigen Blüte begann mit dem Siegeszug des Computers in den 1960er Jahren. Aus anfangs wenigen Kristallisationskernen (1965 weltweit vielleicht nur fünf Labore) hat sich die Dendrochronologie in drei bis vier Jahrzehnten in alle Winkel dieser Erde hinein ausgebreitet, seit rund 20 Jahren sogar in die Waldregionen der Tropen und Subtropen (Worbes 2002), wo bis dahin die Auffassung vorherrschte, hier sei Dendrochronologie prinzipiell unmöglich.

Da wir uns im folgenden auf Europa beschränken, muss noch kurz die hiesige Entwicklung skizziert werden; für eine Übersicht bis 1983, siehe Eckstein und Wrobel (1983). Es war der Forstbotaniker Bruno Huber, wohl inspiriert durch Douglass, der zunächst in Tharandt bei Dresden in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts und später in München die biologischen Grundlagen der Dendrochronologie für die klimatischen Bedingungen in Mitteleuropa systematisch untersuchte und daraus eine angepasste Mess- und Datierungstechnik ableitete (Huber 1941). Seine ersten, noch relativen Datierungen, z.B. der bronzezeitlichen Wasserburg Buchau, gehören wie die ersten Datierungen von Douglass in den Bereich der Archäologie.

Die Dendrochronologie liefert zuerst immer chronologische Informationen, in der Folge aber auch vielfältige nicht-chronologische Informationen von archäologischer Relevanz, so z.B. Aussagen über die Herkunft eines datierten Holzes, über die zeitliche Abfolge bestimmter Konstruktionstechniken im Hausbau, über die zu einer bestimmten Zeit verfügbaren Holzqualitäten für Bauzwecke und, daraus abgeleitet, Rückschlüsse auf die Walddynamik in der Umgebung einer Siedlung. Zu den nicht-chronologischen Informationen der Dendrochronologie gehören auch Aussagen zu Klimaveränderungen, wenn auch die Erwartungen der mitteleuropäischen Archäologen in dieser Hinsicht oft unerfüllt bleiben.

Im vorliegenden Beitrag steht das genuine Potential der Dendrochronologie zur Altersbestimmung und zur - sozusagen als Nebenprodukt zwangsläufig anfallenden - Herkunftsbestimmung von Holz im Vordergrund. Hierbei wird zu zeigen sein, dass die Dendrochronologie immer auch die kritische Beteiligung der Archäologen - und anderer historischer Disziplinen - benötigt, denn sie ist ihrem Wesen nach stets eine interdisziplinäre Wissenschaft. Wir wollen daher hier nicht zum do-it-yourself ermuntern, sondern erreichen, dass Archäologen soviel von Dendrochronologie verstehen, dass sie deren Anwendungsmöglichkeiten und Grenzen einschätzen können.

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3.      Methodik
3.1    Biologische Grundlagen und dendrochronologisches Konzept

Die Dendrochronologie arbeitet mit lebenden Bäumen und mit Bäumen, die in früherer Zeit gelebt haben und seinerzeit von den Menschen genutzt worden sind. Daher ist es zum Verständnis erforderlich, einiges über das Baumwachstum zu wissen.

Im Frühjahr, wenn die Vegetationsruhe des Winters zu Ende geht, beginnen unsere Bäume mit der Bildung einer neuen Holzschicht, die den gesamten, bereits vorhandenen Holzkörper mantelartig überzieht, und zwar von den Ast- bis zu den Wurzelspitzen. Am Querschnitt eines Baumstammes, z.B. an Stubben oder Balkenenden, sind diese Zuwachsschichten als Kreise (Jahrringe, Baumringe) sichtbar (Abb. 1). Jahrringe bestehen bei Nadelbäumen, wie z.B. Kiefer, aus dem helleren Frühholz mit weitlumigen, dünnwandigen Zellen zur Wasserleitung und dem dunkleren Spätholz mit englumigen, dickwandigen Zellen zur Festigung. Laubbäume bilden entweder wie die Buche eine gleichmäßig aufgebaute Holzschicht, so dass die Jahrringgrenzen oft schwer erkennbar sind, oder sie entwickeln wie die Eiche im Frühjahr weite Wasserleitungsbahnen, die man bereits mit bloßem Auge wahrnehmen kann (Abb. 2). Durch den jährlich neu gebildeten Holzmantel wird der Baum Zeit seines Lebens zunehmend dicker.

Die Breite eines Jahrringes wird durch die während des Wachstums herrschenden Umweltbedingungen geprägt. Dazu zählen die Witterungselemente Wärme und Feuchtigkeit, aber auch menschliche Einflüsse, wie forstliche Maßnahmen, oder natürliche Ereignisse, wie Überschwemmungen und Feuer. Bei anhaltend ungünstigen Lebensbedingungen tendiert die Jahrringbreite gegen null, in Extremfällen kann die Jahrringbildung eines Baumes an Teilen seines Stammes oder vollständig unterbleiben. Eichen stellen eine Ausnahme dar, da sie in jedem Jahr stets einen Jahrring bilden. Beim Aussetzen der Jahrringbildung entsteht eine Jahrringfolge, die gegenüber der kalendarischen Zeitachse um ein Jahr oder länger phasenverschoben verläuft. Der Dendrochronologe steht dann vor der schwierigen Aufgabe, derartige sogenannte ausgefallene oder fehlende Jahrringe zu finden, kalenderjahrgenau zu lokalisieren und letztlich eine richtige Jahrringfolge zu erarbeiten. Ein ähnliches Problem tritt auf, wenn innerhalb eines Jahres scheinbar zwei Jahrringe, sogenannte Scheinjahrringe gebildet worden sind. Auch hier ist die Erfahrung des Dendrochronologen gefragt.

Für eine Altersbestimmung geeignete Jahrringfolgen, sog. Jahrringmuster, entstehen nur, wenn der Holzzuwachs weniger von den individuellen Lebensbedingungen eines Baumes als von der Witterung geprägt wird. Die so gebildeten Jahrringfolgen gleichzeitig lebender Bäume oder von Bäumen, die in früherer Zeit gleichzeitig gelebt haben, zeigen einen augenfällig ähnlichen Verlauf, nicht nur innerhalb desselben Waldes, sondern auch bei größerer Entfernung der Standorte. So ist beispielsweise der in dem europaweit sehr trockenen Sommer 1976 gebildete Jahrring in nahezu allen Bäumen Mitteleuropas schmal.

Diese biologische Gegebenheit ist entscheidend für die dendrochronologische Altersbestimmung eines Holzes. Falls nämlich die Jahrringmuster zweier Hölzer untereinander eine große Ähnlichkeit aufweisen, ist der Rückschluss erlaubt, dass die Bäume, denen sie entstammen, zur gleichen Zeit gelebt haben (relative Datierung). Ist eines der beiden Jahrringmuster bereits datiert, dann ist auch die Entstehungszeit des anderen Musters bestimmbar (absolute Datierung) (Abb. 3). Für die Altersbestimmung von Holz ist daher stets eine datierte Vergleichsjahrringfolge für die in Frage stehende Baumart, Region und Zeit erforderlich. Eine derartige Datierungsgrundlage (Jahrringkalender oder Standardchronologie) geht von den Jahrringfolgen lebender Bäume aus, denn nur die können zunächst jahrgenau fixiert werden. Diese Jahrringfolgen werden mit den Jahrringfolgen verbauten Holzes über die Zeitspanne gemeinsamen Lebens verzahnt und darüber hinaus jahrgenau in die Vergangenheit verlängert (Abb. 4). Durch die Überlappung mit den Jahresringen zunehmend älteren Holzes wird schrittweise ein "endloser Baum" konstruiert.

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3.2    Der Kalender im Holz

Das wichtigste Werkzeug für eine dendrochronologische Datierung ist der Jahrringkalender. Normalerweise sollte für ein zu datierendes Holzstück ein Jahrringkalender derselben Holzart benutzt werden. In Deutschland bestehen mehrhundertjährige derartige Chronologien für die Baumarten Eiche, Buche, Tanne, Fichte, Kiefer und Lärche in ihren jeweiligen Verbreitungsgebieten. Für Eiche liegt darüber hinaus auch eine überregionale Chronologie von über 10000 Jahren vor (Becker 1993, Friedrich et al.1999).

An der heutigen Waldverbreitung ist die natürliche Baumartenverteilung nach der letzten Vereisung kaum mehr erkennbar, sie ist aber entscheidend für das Holzartenspektrum, das in einer archäologischen Grabung zu Tage kommt. Denn die natürliche Baumartenverbreitung war entscheidend für Auswahl von technologisch geeigneten Hölzern von hoher natürlicher Dauerhaftigkeit für Haus-, Wege-, Schiff-, Brunnen- und Substruktionsbauten. Dies erklärt auch die Tatsache, dass das Chronologien-Netzwerk in Mittel- und Westeuropa für Eichenholz, in Nordeuropa für Kiefernholz räumlich am dichtesten und zeitlich am weitesten in die Vergangenheit ausgearbeitet werden konnte. Im Grunde ist eine Chronologie zur Vergangenheit hin immer offen, ihre erreichbare zeitliche Tiefe hängt nur von der Verfügbarkeit von geeigneten Holzfunden ab. Aufgrund mangelnder durchgängiger Verfügbarkeit wird es niemals gelingen, ausreichend lange Chronologien z.B. für Esche und Ulme oder gar Erle und Hasel aufzubauen, alles Holzarten von archäologischer Bedeutung. Dennoch ist es nicht ausgeschlossen, aber auch nicht vorhersehbar, derartige Hölzer im günstigen Fall dendrochronologisch z.B. über eine Eichenchronologie datieren zu können.

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3.3    Durch Replikation zur inneren Sicherheit und richtigen Datierung

Die Dendrochronologie arbeitet und funktioniert weitgehend empirisch. Das heißt, dass erst am Ende einer aufwendigen Analyse feststeht, 1. ob ein augenscheinlich geeignetes Holz zu einer erfolgreichen Altersbestimmung führt, 2. ob z.B. ein konkretes archäologisches Buchen- oder Eschenholz mit einer Eichenchronologie datierbar ist, oder 3. wieweit die geographische Gültigkeit einer bestimmten Regionalchronologie reicht. Ein weiteres Dilemma besteht in der Tatsache, dass zwei Jahrringfolgen nie völlig genau übereinstimmen, sondern einander nur zu einem gewissen Grad ähnlich sind. Diese Ähnlichkeit wird durch zwei Parameter quantifiziert, den Gleichläufigkeitswert W (Eckstein & Bauch 1969) und den t-Wert (Baillie & Pilcher 1973). Die Frage, wie eine schwache Ähnlichkeit zwischen zwei tatsächlich zeitgleichen Jahrringmustern von einer hohen Zufallsähnlichkeit getrennt werden kann, ist einfach zu beantworten: es ist unmöglich. Dennoch ist die Dendrochronologie eine zuverlässige Datierungsmethode. Warum? Das beim Aufbau von Jahrringchronologien und bei deren Anwendung für Datierungen immer wieder zugrundegelegte Prinzip heißt Replikation und soll an einem Beispiel veranschaulicht werden (Baillie 1983): Falls zwei beliebige Jahrringmuster A und B einander ähnlich sind und eine dritte Jahrringfolge C gefunden wird, die mit A ähnlich ist, dann muß C an derselben Position auch mit B ähnlich sein; alle weiteren Jahrringmuster, die mit A ähnlich sind, müssen auch mit B und C ähnlich sein, usw. Auf diesen wiederholten Übereinstimmungen und wechselseitigen Kontrollen beim Aufbau einer Chronologie und möglichst auch bei jeder Datierung beruht die Zuverlässigkeit einer dendrochronologischen Datierung.

Die mit Computerunterstützung ermittelte Lage höchster Ähnlichkeit zwischen zwei Jahrringfolgen wird auf einem Leuchttisch visuell überprüft; es können auch mehrere gleich gute Deckungslagen vorkommen. Die letzte Entscheidung trifft der Dendrochronologe aufgrund seiner Erfahrung im Beurteilen von Ähnlichkeiten von Jahrringmustern. Diese Erfahrung ist schwer oder gar nicht messbar. Hierdurch bekommt die Dendrochronologie ohne Zweifel eine subjektive Komponente, im Ausnahmefall ist auch eine Fehlentscheidung nicht auszuschließen.

Falls eine Zuordnung in den Jahrringkalender nicht gelingt, ist auch eine nur ungefähre Datierung in ein Jahrzehnt oder Jahrhundert nicht möglich. Bei dieser unabdingbaren Ja/Nein-Entscheidung gibt es keine Zwischenlösung. Mit Hilfe der Statistik ergibt sich zwar immer eine "beste" Ähnlichkeit, sie darf aber ohne fachkundige visuelle Überprüfung auch dann nicht als dendrochronologische Datierung akzeptiert werden, wenn sie in den archäologisch plausiblen oder gar gewünschten Zeitraum fällt. Die Nicht-Datierbarkeit einer Holzprobe kann vielerlei bedeuten, z.B. kann das Holz von außerhalb der räumlichen oder zeitlichen Reichweite des Jahrringkalenders stammen, in jedem Falle aber entspricht ihr Jahrringmuster nicht der Vergleichschronologie. Durch zusätzliche Probenentnahmen aus demselben konstruktiven Zusammenhang ist es oft aber möglich, solche zunächst undatierbaren Hölzer zu datieren. Die mitunter geübte Praxis, eine dendrochronologische Datierung in Prozenten statistischer Sicherheit anzugeben, gibt zwar eine hohe Objektivität vor, ist aber für den Archäologen wertlos, da derartige Datierungen beliebig "wegerklärbar" sind.

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3.4    Wie viele Jahrringe sollen es sein?

Von Wichtigkeit für eine erfolgreiche Datierung ist die Anzahl der in einem Holz enthaltenen Jahrringe. Trotz der immer wieder gestellten Frage nach der erforderlichen Mindestjahrringanzahl gibt es hierfür keine definierte Schwelle, oberhalb derer eine Datierung stets gelingt. Allgemein gilt, dass das Jahrringmuster eines Baumes, der zeitlebens intensiv vom Umgebungsklima geprägt wurde, eine höhere Ähnlichkeit mit dem regionalen Jahrringkalender hat als das Jahrringmuster eines Baumes, der einen vom regionalen Durchschnitt abweichenden Wachstumsverlauf aufweist (z.B. Baum an einem Wasserlauf oder mit blitzschlagbedingtem Schaden oder mit wiederholtem Insektenbefall). Dies ist aber in den häufigsten Fällen auch für den Dendrochronologen nicht durch bloßen Augenschein erkennbar.

Allgemein nimmt die Wahrscheinlichkeit für eine erfolgreiche Datierung mit ansteigender Jahrringanzahl zu. Zum besseren Verständnis hilft hier der Vergleich mit einem Schlüssel (= Jahrringmuster) und dem zugehörigen Schloss (= Jahrringkalender) (Abb. 5): ein einfacher Schlüssel (= wenige Jahrringe) passt in mehrere Schlösser, ein komplizierter Sicherheitsschlüssel (= viele Jahrringe) ist einmalig und schließt nur das richtige Schloss. Die dendrochronologische Praxis lehrt, dass dennoch eine beispielsweise 200 Jahre lange Jahrringfolge undatierbar, eine nur 30 Jahre umfassende andere Jahrringfolge dagegen datierbar sein kann. Zur Verdeutlichung dieses Sachverhaltes möge ein Beispiel aus der eigenen Arbeit dienen: Von der Grabung des mittelalterlichen Hafens in Schleswig waren nur ca. 50% der Eichenhölzer (n=796) datierbar. Trennt man die Hölzer aber in zwei Kollektive, und zwar in solche mit mehr als 50 Jahrringen und in solche mit weniger als 50 Jahrringen, dann sind aus dem ersten Kollektiv 62% und aus dem zweiten Kollektiv nur 30% der Hölzer datierbar.

Was ist nun zu tun, wenn in einer Grabung überhaupt keine Hölzer mit mehr als 50 Jahrringen vorkommen? Hier gilt es, so viele Holzproben wie möglich von jeweils einer erkennbar zusammengehörigen Konstruktion zu bergen. Der dadurch erzielbare Effekt wird auch an der Hafengrabung Schleswig verdeutlicht (Abb. 6 a-c). Aus dem Vergleich der Häufigkeitsverteilungen [a.] aller datierten und aller undatierbaren Hölzer, [b.] nur der datierten und undatierbaren Hölzer von erkennbar zusammengehörigen Konstruktionen und [c.] aller datierten und undatierten Streufunde ist erkennbar, dass im Fall [a.] bis zur Jahrringanzahl 60 der Anteil undatierbarer Hölzer den Anteil datierter Hölzer übersteigt. Dieser Grenzwert geht im Fall [b.] auf 50 Jahrringe zurück. Im Fall [c.] ist der Anteil datierbarer Hölzer vernachlässigbar gering. Rechnet man nicht in Anzahl datierter Holzproben, sondern in Anzahl datierter Baustrukturen beträgt die Datierungsquote hier sogar 83%. Im konkreten Einzelfall hängt die Datierungsquote immer von der Stärke des von allen Bäumen gespeicherten, aber unsichtbaren Klimasignals ab.

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3.5    Jahrgenau, aber nur bei Rinde

Bei einer dendrochronologischen Datierung muss zwischen der Datierung der Jahrringfolge eines Holzes und der Datierung des Fällungsjahres des Baumes unterschieden werden. Die gelungene Datierung einer Jahrringfolge ist stets jahrgenau, d.h. alle in einem Holz vorhandenen Jahrringe werden den Kalenderjahren ihres Wachstums eindeutig zugeordnet. Erst nach der Datierung einer Jahrringfolge kann die für den Archäologen interessante Frage nach dem Fällungsjahr des Baumes beantwortet werden. Diese Entscheidung führt zu einer jahrgenauen oder aber zu einer nur statistisch abschätzbaren Angabe, und zwar in Abhängigkeit von der Vollständigkeit der Holzprobe. Bei Eichenholz sind drei Stufen abnehmender Datierungsschärfe unterscheidbar (Abb. 7):

Obwohl die Kiefer wie die Eiche obligatorisch einen Farbkern von erhöhter Dauerhaftigkeit bildet, verläuft die Verkernung im lebenden Baum nicht so regelmäßig innerhalb enger Grenzen; d.h. die Anzahl der Splintjahrringe streut bereits innerhalb eines Baumes sehr stark, so dass es noch keine vergleichbar abgesicherte Splintstatistik wie für Eiche gibt. Daher sind für Kiefer und allen anderen "Nicht-Eichenhölzer" nur zwei Datierungsgenauigkeiten zu unterscheiden:

Für eine dendrochronologisch-archäologische Analyse ist die zeitliche Einordnung von Einzelproben nur ein erster Schritt; angestrebt wird in der Regel die Datierung eines "Holzkomplexes". Damit ist eine Gruppe von Hölzern gemeint, die aufgrund archäologischer Merkmale derselben Konstruktion angehören. Hölzer ohne Waldkante aus demselben Komplex werden diesem Kollektiv zugerechnet, wenn ihre Kern-Splintgrenzen (bei Eiche) nicht mehr als 20 Jahre auseinanderliegen. Enthält der Komplex keine Proben mit Waldkante, so wird das Kollektiv allein nach dem Kriterium der Kern-Splintgrenzen-Streuung gebildet. In solchen Fällen können mehrere Kollektive möglich sein, deren Berechtigung vom Archäologen geprüft werden muss. Für ein so definiertes Kollektiv wird formal aus dem Median der Kern-Splintgrenzen ein Fällungsjahr extrapoliert. Dabei muss allerdings beachtet werden, dass mehrere Fällungskampagnen binnen weniger Jahre tatsächlich möglich, dendrochronologisch jedoch nicht trennbar sind.

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3.6    Ist Fälljahr gleich Baujahr?

Was sagt eine noch so genaue Fällzeit des Holzes über das Baudatum einer Konstruktion? Hier sind die Holztrocknungszeit, Zweitverwendung von Holz und Reparaturmaßnahmen zu unterscheiden. Die Frage der Bauholztrocknung zwischen Holzfällung und Holzverwendung kann inzwischen definitiv als beantwortet gelten: Es gab keine Lagerung zum Zwecke der Holztrocknung, vielmehr wurde das Holz "waldfrisch" verbaut. Dagegen ist eine Zweitverwendung von Holz stets in Betracht zu ziehen; sie würde, falls sie unerkannt bliebe, eine Frühdatierung zur Folge haben. Aber es gibt Erkennungszeichen für eine Wiederverwendung von Holz, z.B. funktionslose konstruktive Details. Am sichersten ist aber die Einbeziehung von über die gesamte Konstruktion verteilten Proben. Derselbe Ansatz gewährleistet auch, Reparaturhölzer zu erkennen und somit deren Datierung nicht fälschlich für das Objekt als repräsentativ anzunehmen, was eine Spätdatierung bedeuten würde.

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4.      Von der Grabung zur Datierung
4.1    Praktische Hinweise

Die dendrochronologische Datierungsarbeit beginnt auf der Grabung. Sie beruht - wo auch immer sie erfolgt - auf denselben Grundlagen. Unterschiede ergeben sich nur aus dem konkret vorliegenden Holz, d.h. der Holzart, dem Erhaltungszustand und der Anzahl der Jahrringe. Unter den Gegebenheiten einer Grabung sollte vom Archäologen grob unterschieden werden können zwischen Eiche, anderem Laubholz und Nadelholz; feinere Unterschiede können erst im Labor getroffen werden. Um den Erhaltungszustand des Holzes nicht zu verändern, gilt der Grundsatz, trockene Hölzer trocken und feuchte Hölzer feucht zu halten. Am besten werden die feuchten Hölzer in Plastikfolie eingeschweißt und kühl gehalten. Wenn eine Lagerung über mehrere Monate vorhersehbar ist, muss eine Gefrierlagerung erfolgen. Es sollte darauf geachtet werden, dass die Fundzettel an der Probe diese Lagerzeiten lesbar überdauern. Eine sorgfältige Funddokumentation ist für jeden Archäologen selbstverständlich. Neben Fund- und Befundnummern haben sich fortlaufende Nummerierungen für die "dendrochronologischen" Hölzer bewährt; sie verhindern, dass bei mehrmaligen Probenlieferungen von derselben Grabungsstelle mehrere Proben-Nr. 1 usw. vergeben werden. In der Regel werden von dem "archäologischen" Holz 5-10 cm dicke Abschnitte gesägt, wobei auf Splint und Rinde zu achten ist; zudem sollte immer an der dicksten Stelle gesägt werden, da hier die meisten Jahrringe zu erwarten sind. Sind beide Kriterien nicht mit einem einzigen Abschnitt erfüllbar, müssen zwei Proben von einem Fund genommen werden. Wenn vor der Auswertung schon bekannt ist, dass die Hölzer als Ausstellungsstücke dienen sollen, ist es möglich, die Jahrringfolge zerstörungsfrei direkt am Holz mit einer Lupe zu messen. Dieses Verfahren ist allerdings sehr zeitaufwendig. Sind die Querschnittsflächen nicht zugänglich, wie z.B. bei einem Schiffs-Kielschwein, muss gebohrt oder besser gesägt werden. Die abgesägte Scheibe wird ungeteilt gelassen und kann nach der Messung - mit oder ohne Retuschen - wieder eingesetzt werden. Mitunter wird diese notwendige "Zerstörung" genutzt, um in der Ausstellung nicht nur den Fund zu zeigen, sondern auch seine Aussagekraft museumspädagogisch aufzubereiten. Auf alle Fälle sollte die Jahrringmessung vor einer eventuellen Konservierung stattfinden, da sonst die Zellstrukturen verklebt und schlecht sichtbar sind. Bei jahrringarmen Hölzern müssen möglichst viele Proben genommen werden, um die Chancen für eine Datierung zu erhöhen. Der weitere Verfahrensablauf findet im dendrochronologischen Labor statt.

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4.2    Schlussbemerkung

Der vorliegende Beitrag soll den Archäologen, falls dies noch nicht geschehen ist, davon überzeugen, mit einem Dendrochronologen eine interaktive Beziehung einzugehen, ohne ihn jedoch hinsichtlich des vermuteten, erwarteten oder gar gewünschten Datums für ein Untersuchungsobjekt steuern zu wollen. Im Idealfall ist das dendrochronologische Datum gänzlich unabhängig von jeglicher archäologischer Vordatierung. Der Archäologe sollte lernen zu akzeptieren, dass Hölzer vorläufig oder endgültig undatierbar sind, obwohl sie bisweilen chronologische "Schlüsselfunde" darstellen und bis zur Feststellung ihrer Undatierbarkeit sehr viel mehr Arbeitsaufwand verursacht haben als manche datierbaren Hölzer.

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5.      Bibliographie und weiterführende Literatur

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Autoren

Prof. Dr. Dieter Eckstein
Universität Hamburg
Zentrum Holzwirtschaft
Leuschnerstr. 91
21031 Hamburg
d.eckstein@holz.uni-hamburg.de

Dipl.-Holzw. Sigrid Wrobel
Bundesforschungsanstalt für Forst- und Holzwirtschaft
Institut für Holzbiologie und Holzschutz
Leuschnerstr. 91
21031 Hamburg
wrobel@holz.uni-hamburg.de


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